„Kreditkarten betäuben den Schmerz“

Digitales Bezahlen verändert uns. Davon ist Dr. Catarina Katzer überzeugt. Die Cyberpsychologin und studierte Volkswirtin aus Köln untersucht seit Jahren, wie das Netz unser Handeln, Fühlen und Denken beeinflusst. Ein Interview über die besonderen Ängste der Deutschen und Unterschiede zwischen Bargeld- und  Kartenzahlern.

Dr. Catarina Katzer Foto: privat

 

Die Gesellschaft entwickelt sich hin zum bargeldlosen Zahlen. Aber ein Leben ohne Münzen und Scheine können sich viele Deutsche nicht vorstellen. Warum fällt es den Deutschen so schwer, sich vom Bargeld zu trennen?

Wir Deutsche haben seit jeher eine besondere Beziehung zu unserem Geld. Denken wir nur an die gute alte D-Mark. Sie wurde emotional sehr stark mit Aufschwung, Stabilität, Wirtschaftswachstum und volkswirtschaftlicher Prosperität verbunden.

Die D-Mark galt dann lange neben Dollar und Schweizer Franken als sichere Leitwährung. Auch der Spruch „Bargeld lacht“, ist eigentlich typisch deutsch, und hat den psychologischen Hintergrund, dass man sich in jeder Situation „zahlungsfähig“ fühlt und so ein Sicherheitsgefühl entsteht. Egal was passiert: Man kann sich jederzeit „auslösen“.

Das ist mit einer Kreditkarte nicht möglich. Diese Ängste haben nordische Länder wie Schweden nicht. Sie haben allerdings auch eine andere Geldtradition und Geldgeschichte.

Wer also weniger ausgeben will, sollte cash bezahlen. Dr. Catarina Katzer

Verhält sich der Verbraucher an der Kasse anders, wenn er bargeldlos bezahlt?

Wir sehen anhand von Studien, dass wir bei bargeldlosen Zahlungen klar die Tendenz haben deutlich mehr auszugeben. Das liegt daran, dass wir physisch die Menge an Geld nicht vor Augen haben, die aus unserem Portemonnaie verschwindet. Scheine in der Hand fühlen wir, wenn wir sie abgeben müssen.

Geldausgeben ist uns dadurch bewusster und tut uns in diesem Fall sogar physisch weh. Kreditkarten betäuben hingegen diesen Schmerz. Hinzu kommt, dass Menschen das Gefühl verlieren, was sie sich leisten können. Wer also weniger ausgeben will, sollte cash bezahlen.

Manche Kinder bekommen ihr Taschengeld schon jetzt digital ausgezahlt. Wie lernen diese Kinder mit Geld umzugehen?

Bei Kindern gilt das Gleiche wie bei uns Erwachsenen: Bargeldlos bezahlen passiert unbewusster, man verliert den Überblick und realisiert nicht, wie viel man eigentlich schon ausgegeben hat. Bei Kindern kommt hinzu, dass sie das Gefühl für Bargeld gar nicht erst kennenlernen.

Damit Kinder sehen, was sie ausgeben, sollte man auf jeden Fall den digitalen Betrag begrenzen. Wenn der einmal ausgegeben ist, dann gibt es nichts mehr. Dies kann schon das Bewusstsein schärfen. Auch sollte man eine Art Logbuch führen, kurz notieren, was man alles ausgibt, um ein Gefühl für seinen finanziellen Rahmen zu bekommen. Das geht auch per App auf dem Smartphone.

Haben Gegenstände für Konsumenten einen höheren persönlichen Wert, wenn sie bar bezahlt worden sind?

Da der Schmerz beim Bargeldausgeben deutlich ansteigt, wird der Wert des Gutes anders eingeschätzt. Denn was „freiwillig“ weh tut, muss eine Rechtfertigung haben. Man denke nur an das gute alte Sparschwein: Wenn man es nach langem Sparen schlachtet, hat das vor uns liegende Bargeld eine ganz besondere Bedeutung. Wenn man nun damit in ein Geschäft geht, um sich ein ganz bestimmtes Produkt zu „leisten“, dann ist dieser Gegenstand auch besonders wertvoll.

Bargeldloses Bezahlen mag vieles verändern, wird aber nicht unsere Werte auf den Kopf stellen. Dr. Catarina Katzer

Materielle Werte spielen in der Konsumgesellschaft eine große Rolle. Wenn nun digital bezahlt wird: Gibt es eine Verschiebung, dass immaterielle Güter an Wert gewinnen?

Ich glaube, wir haben zwei gegenläufige Trends: Zum einen werden hochwertige Produkte und Luxusgüter wie Reisen, Schmuck oder Kleidung immer mehr online und mit Kreditkarte gekauft. Wir erfüllen also unsere materiellen Wünsche bargeldlos. Zum anderen sehen wir aber, dass der Wunsch nach Freiheit, nach mehr Freizeit und Selbstverwirklichung, eine immer wichtigere Rolle bei der jüngeren Generation spielt – auch ganz ohne Geld. Ich denke aber, es liegt eher an der generellen Überfrachtung der letzten Jahrzehnte mit materiellen Dingen, die von der neuen Generation mit anderen Lebensentwürfen beantwortet wird. Bargeldloses Bezahlen mag vieles verändern, wird aber nicht unsere Werte auf den Kopf stellen.

Die Interviewfragen wurden von Michael Mahler und Sara Mierzwa schriftlich gestellt.

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